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Madagaskar

Im Kampf gegen die berüchtigte Infektionskrankheit: Auf den Spuren der Pest

Operational research News 
Julita Gil Cuesta - Dokumentationsoffizier für LuxOR
Im August 2017 wurde in Madagaskar der Ausbruch einer Pestepidemie gemeldet. Julita Gil, die als medizinische Epidemiologin bei der operationellen Forschungseinheit LuxOR von Ärzte ohne Grenzen tätig ist, unterstützt die Untersuchung und Kontrolle der Epidemie im Rahmen einer zweiwöchigen Mission Ende Oktober/Anfang November.

    Die Pest blickt auf eine unerbittliche, tödliche Geschichte zurück. Epidemien der im mittelalterlichen Europa auch „Schwarzer Tod“ genannten, furchteinflößenden Infektionskrankheit kosteten im 14. Jahrhundert schätzungsweise 50 Millionen Menschen das Leben. Heute werden immer noch einige hundert Fälle im Jahr gemeldet, doch die Krankheit kann bei frühzeitiger Diagnose wirksam mit Antibiotika behandelt werden.

    Als Reaktion auf den jüngsten Ausbruch in Madagaskar errichtete Ärzte ohne Grenzen zusammen mit den Behörden vor Ort und internationalen Partnern das Pest-Triage- und Behandlungszentrum außerhalb eines Krankenhauses in der Stadt Tamatave an der Ostküste. Anschließend half das Team bei der Diagnose, Isolation und Behandlung von Patienten und besuchte die umliegenden Gemeinden, um die wichtigsten Schutzmaßnahmen zu erläutern.

    Anfang November reiste ein zweites Team von Ärzte ohne Grenzen in die Regionen Haute Matsiatra und Vakinankaratra, um vor Ort Hilfestellung bei der Erkennung und dem Umgang mit den verbleibenden Pestfällen zu leisten.

    Sie sind während der Pestepidemie nach Madagaskar gereist. Hatten Sie keine Bedenken bezüglich Ihrer eigenen Gesundheit?

    Wenn ich am Ort von Krankheitsausbrüchen arbeite, bin ich natürlich aufmerksamer und wachsamer. Bei Ärzte ohne Grenzen steht aber die Mitarbeitersicherheit an erster Stelle und es werden stets alle möglichen Schutzmaßnahmen ergriffen. Für Madagaskar haben wir prophylaktisch Antibiotika eingenommen und immer eine Maske angelegt, wenn wir in Kontakt mit Patienten kamen, die an der ansteckenden Lungenpest erkrankt waren.

    In einer unserer Unterkünfte haben mich Bettwanzen gebissen. Ihr Biss ist an sich nicht bedenklich, doch er unterscheidet sich kaum von Flohbissen, die die Pest übertragen. Das war sehr beunruhigend! Glücklicherweise hat mir der Entomologe unseres Teams geholfen, die Bisse richtig zu erkennen und zu behandeln.

    In Madagaskar werden jedes Jahr Pestfälle gemeldet. Warum waren gerade für diese Epidemie internationale Notfallmaßnahmen erforderlich?

    Weltweit werden jedes Jahr immer noch rund 600 Pestfälle gemeldet und Madagaskar ist neben der Demokratischen Republik Kongo und Peru ein Land, in dem die Erkrankung endemisch vorkommt. Diese Epidemie zeigte jedoch zwei besorgniserregende Anomalien: In den meisten Fällen handelte es sich um die tödliche und hochgradig ansteckende Lungenpest und der Ausbruch breitete sich in der Hauptstadt Antananarivo und der größten Hafenstadt Tamatave aus, den zwei größten Städten in Madagaskar.

    In etwa einem Zehntel der Fälle entwickelt sich aus einer Beulenpest die Lungenpest.

    Die häufiger vorkommende Beulenpest wird über Flöhe von Nagetieren und anderen Tieren übertragen. Menschen können sich durch den Biss eines infizierten Flohs oder den Kontakt mit einem infizierten Tier anstecken. In etwa einem Zehntel der Fälle entwickelt sich aus einer Beulenpest die Lungenpest, die durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Die Ökologie und Übertragung der Pest ist entsprechend komplex und verläuft in Städten anders als auf dem Land.

    Madagaskar ist ein wunderschönes Land und ein beliebtes Reiseziel, daher war die Eindämmung des Ausbruchs nationalen und internationalen Akteuren im Gesundheitswesen ein großes Anliegen.

    Ihre Mission bestand darin, die Untersuchung und Kontrolle der Pestepidemie zu unterstützen. An welchen Aktivitäten haben Sie mitgewirkt?

    Anfangs lag mein Schwerpunkt darauf, die Verbreitung von Pestfällen besser zu verstehen: Welche Gebiete waren besonders betroffen? Wie verbreitete sich die Erkrankung? Welche Alters- oder sozioökonomische Gruppe war besonders gefährdet? Und wie verlässlich sind die Laborergebnisse für unsere Diagnose? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich Daten aus Patientenakten, Berichten und Laborergebnissen gesammelt.

    Ich arbeitete mit einem Feldkoordinator, einem Arzt, einer Krankenpflegekraft, einem Wasser- und Hygieneexperten, einem Anthropologen, einem Entomologen, einem Logistiker und einem Versorgungsspezialisten zusammen. Das multidisziplinäre Team unterstützte den Hilfseinsatz für den Infektionsausbruch bereits ab Anfang Oktober. Die Teammitglieder trafen sich mit lokalen Gesundheitsexperten, um ihre Bedürfnisse zu ermitteln – von adäquater Wasserversorgungs- und Hygieneinfrastruktur bis hin zu medizinischer Ausstattung, Lebensmitteln und Unterstützung von Aktivitäten zur Gesundheitsförderung in den Gemeinden.

    Da die Anzahl neuer Fälle in Tamatave allmählich zurückging, starteten wir eine Sondierungsmission in den Regionen Vakinankaratra und Haute Matsiatra im Hochland. Im Bezirk Ambalavao wurden wir dann aktiv, da die Anzahl der dort gemeldeten Pestfälle und damit verbundener Todesfälle höher war. Hier werden jedes Jahr Fälle von Beulenpest gemeldet, sodass die Gemeinden und Gesundheitsfachkräfte stärker für die Symptome und Behandlung der Pest sensibilisiert werden.

    Mit welchen Herausforderungen war Ihr Team in Tamatave und auf der Sondierungsmission im Hochland konfrontiert?

    Bei der Ankunft des Teams von Ärzte ohne Grenzen stellte die Einrichtung eines sicheren und effizienten Triagesystems im Krankenhaus und Behandlungszentrum in Tamatave ein größeres Problem dar. Die anfänglichen Symptome der Lungenpest, u. a. Fieber, Kopfschmerzen, Schwäche und Husten, sind ziemlich unspezifisch. Das erschwert es den Ärzten, die Falldefinition effektiv anzuwenden. Sie laufen Gefahr, die starken Antibiotika Patienten zu verabreichen, die unter Umständen gar keine Pest haben. Auch lässt sich so das wirkliche Ausmaß der Epidemie schwerer ermitteln.

    Wird die Behandlung frühzeitig begonnen, sind die verschiedenen eingesetzten Antibiotika effektiv und die meisten Menschen erholen sich rasch. Aber es ist auch wichtig, die betroffenen Gemeinden über die Symptome aufzuklären und ihnen aufzuzeigen, wie sie eine Ansteckung verhindern können.

    Welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewonnen und wo muss Ihrer Ansicht nach weiter geforscht werden?

    Die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Pestfällen kann Patientenleben retten. Insbesondere in abgelegenen Gebieten müssen die Erkennung durch die Gemeinden und die systematische Meldung durch Gesundheitsfachkräfte gestärkt werden. Andererseits haben Gesundheitsexperten in Städten wie Tamatave weniger Erfahrung mit Pestfällen als ihre Kollegen im Hochland, wo jedes Jahr Fälle von Beulenpest auftreten.

    Die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Pestfällen kann Patientenleben retten.

    Dann bleibt eine der Kernfragen jedes Krankheitsausbruchs: Wie hat sich die Lungenpest-Epidemie verbreitet? Wir möchten auch nachvollziehen, ob Fälle von Lungenpest in dieser Epidemie leichtere Symptome als in früheren Epidemien zeigten. Im Moment analysieren wir einige der gesammelten Routinedaten von Patienten, die uns möglicherweise bei der Beantwortung dieser Fragen helfen werden.

    Der Einsatz im Ausbruchsgebiet mit einem derart multidisziplinär ausgerichteten Team war eine positive Erfahrung. Dass wir uns mit unseren unterschiedlichen Kenntnissen und Perspektiven ergänzen konnten, war ein Vorteil, der zur Eindämmung dieser Epidemie beitrug.