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RDC, personnes déplacées, MSF, Ituri, témoignage

Kongo (Demokratische Republik)

Hilfe für die Bedürftigsten in der Provinz Ituri

Luftaufnahme des Lagers für Vertriebene in der Gemeinde Drodro, wo fast 24.000 Menschen Zuflucht gesucht haben, die seit 2019 auf der Flucht vor bewaffneten Überfällen auf ihre Dörfer im Kreis Djugu, in der Provinz Ituri, sind. DRC. November 2019. © Alexis Huguet/MSF
Augenzeugenberichte 
Enzo Cicchirillo - MSF Projektkoordinator
Nach 4 Monaten als Projektkoordinator in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) zieht Enzo Cicchirillo Bilanz.
    Kannst du uns mehr über die Ausgangssituation deines Einsatzes verraten?

    Im Nordosten der D.R. Kongo, in der Provinz Ituri, stehen sich mehrere Ethnien in einem seit langem andauernden Streit um Besitzverhältnisse feindlich gegenüber. Zu diesem Streit kommen zusätzliche Konfliktquellen wie der Goldabbau, Konzessionen zur Erdölförderung und das Fischereimonopol im Albertsee hinzu.

    Die wirtschaftlich-ethnisch motivierten Streitigkeiten eskalierten zu Beginn der 2000er durch extreme Gewalt, die zehntausende Todesopfer forderte. Nachdem es mehrere Jahre relativ ruhig war, brach 2017 wieder eine heftige Gewaltwelle aus.

    Im Laufe der jüngsten Krise im Juni 2019 verloren tausende Menschen ihr Hab und Gut und mussten aus ihren Dörfern fliehen und alles zurücklassen, um zu überleben.

    Die Vertriebenen fanden Schutz in Lagern, wo sie allerdings unter elenden Bedingungen in winzigen Strohhütten leben. Sie mussten ihre wenigen Habseligkeiten zurücklassen und konnten weder fischen noch Felder bestellen, was Ihnen eine Lebensgrundlage bereiten würde.

    Welche Unterstützung bieten die MSF-Teams?

    Angesichts der extrem unsicheren Lage erreicht die Sterblichkeitsrate – besonders von Kindern – ein Ausmaß , wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) ergriff drei verschiedene Maßnahmen:

    • Zunächst stellten wir eine kostenlose Gesundheitsversorgung für die Vertriebenen und insbesondere deren Kinder unter 5 Jahren zur Verfügung. Wir konzentrierten uns auf die häufigsten Todesursachen, allen voran Malaria. Aufgrund der verschlechterten Nahrungssituation richteten wir außerdem ein Programm zum Kampf gegen Unterernährung ein.

      Der massive Ansturm von Vertriebenen brachte den Betrieb der Gesundheitszentren zum Erliegen. Vor dem Eintreffen von MSF mussten die Patienten manchmal die Nacht vor dem Gesundheitszentrum verbringen, um überhaupt Aussichten auf eine Behandlung zu haben zu, immer vorausgesetzt, man hatte zwei oder drei Dollar in der Tasche, um sich die Versorgung für sein Kind leisten zu können! 

      Zur Entlastung der Gesundheitseinrichtungen stellten wir früh eine kostenlose Versorgung an über dreißig Standorten zur Verfügung, wo wir gemeinnützige Zentren und mobile Kliniken aufbauten.

      Für die schlimmsten Fälle richteten wir ein System für die Patienten in den Lagern ein, um diese an Gesundheitszentren zu überweisen oder, falls erforderlich, Krankenhäuser mit guter Behandlungsqualität. Dort unterstützten wir zudem die Pädiatrie mit medizinischen Fachkräften, Medikamenten und medizinischer Ausrüstung. 
       
    • Im Anschluss veranlassten wir in den Lagern den Bau von Latrinen, Duschen und Wasserstellen. Durch das beengte Zusammenleben und die schlechten hygienischen Bedingungen waren die sanitären Einrichtungen mindestens genauso wichtig wie die medizinische Versorgung, um die Ausbreitung gefährlicher Epidemien wie Cholera zu vermeiden.
       
    • Wir verteilten außerdem Basisgüter wie Planen zum Sichern der Strohhütten, Eimer zum Wasserschöpfen, Küchenutensilien, und Moskitonetze zum Schutz vor Malaria. Die Planen waren besonders wichtig für die Vertriebenen, um sich vor den wolkenbruchartigen Regenfällen zu schützen, die ihre winzigen Hütten in regelmäßigen Abständen überschwemmten.

      Die ungewöhnlich lange Regenzeit tat dieses Jahr ihr Übriges, und viele Kinder litten unter Atemwegserkrankungen.
    Was waren die größten Herausforderungen?

    Die Not war so groß, dass trotz aller Anstrengungen von MSF nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden konnten. Die Zahl der Vertriebenen vor Ort war erschütternd. Sie hatten absolut nichts und wir mussten beinahe unmögliche Entscheidungen treffen, um wirklich nur den dringendsten Bedürfnissen gerecht zu werden.

    Das Gesundheitssystem war schon vorher unzureichend, um die lokale Bevölkerung zu versorgen, da es unter anderem an Personal, Ausrüstung und Medikamenten fehlt. Um dieses angesichts der Ankunft der Vertriebenen zu entlasten, leisteten wir Unterstützung.

    Der Hunger setzte den Vertriebenen zu, die aufgrund der unsicheren Lage nicht mehr auf ihren Feldern arbeiten konnten. Andere fanden zwar vereinzelt Arbeit als Tagelöhner, doch wurden mit einem spärlichen Lohn von 1000 Kongo-Francs pro Tag (= 0,50 €) bezahlt. Einige Menschen berichteten uns, dass sie seit drei oder vier Tagen nichts mehr gegessen hätten. Die „Privilegierten“ konnten eine Mahlzeit am Tag zu sich nehmen. Wir konnten ein paar Mal Essen verteilen. Doch das war leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

    In der Gemeinde Mahagi, wo wir über zehn Vertriebenenlager betreuten, bedeutete der stark eingeschränkte Zugang (einige Bereiche waren nur per Motorrad erreichbar) dafür, dass wir lange die einzige NGO vor Ort blieben. Wir versuchten, andere Organisationen ins Boot zu holen, doch die Hilfe kam nur sehr zögerlich an.

    Die Sicherheit stellte wie so oft in solch einem Kontext eine tägliche Herausforderung dar. Die tödlichen Angriffe auf die Bevölkerung und die Orte, an denen wir tätig waren, sowie die Fortbewegung unseres medizinischen Personals unter riskanten Bedingungen erschwerten unseren Einsatz. In manchen Regionen waren uns deshalb vollkommen die Hände gebunden.

    Glücklicherweise konnten wir meist auf die Unterstützung der Bevölkerung und eine hohe Akzeptanz von MSF zählen. So war es möglich, Menschen zu versorgen, ohne unsere Teams einer Gefahr auszusetzen.

    Was hast du aus dieser Erfahrung mitgenommen?

    Ich bin stolz darauf, dass wir als eine der ersten NGOs nach Ausbruch der Krise eingeschritten sind. Die gesundheitliche Versorgung, die wir leisteten, war ein wichtiger Beitrag.

    Doch obwohl Ärzte ohne Grenzen eine NGO mit beeindruckenden Ressourcen ist, kann keine Organisation im Alleingang die ganze Arbeit auf dem riesigen Territorium der D.R. Kongo stemmen. Deshalb mussten wir Prioritäten setzen.  Ich muss zugeben, dass ich in manchen Nächten kein Auge zutat. Es tat mir in der Seele weh, Menschen mit fast nichts im Stich zu lassen, um denen zu helfen, die wirklich absolut nichts hatten. Ein ausgesprochen schmaler Grat.

    Es ist höchste Zeit, dass internationale NGOs und Geldgeber diesem Konflikt Beachtung schenken, der von den Medien nur marginal behandelt wird.