× schließen
Kirghizistan. Covid-19. Coronavirus.

Kirgisistan

Covid-19: Harte Probe für Kirgisistan

Kirgisistan, Februar 2020. © Maxime Fossat/MSF
Aktuelles 
In Kirgisistan nehmen die Covid-19-Fälle rasant zu, insbesondere in der Hauptstadt Bischkek. Entlegene, ländliche Regionen rüsten sich deshalb mit erhöhten Schutzvorkehrungen gegen das Virus und versuchen gleichzeitig, die medizinische Grundversorgung – vor allem von Frauen und Kindern – sicherzustellen.

    Trotz des guten Gesundheitssystems des Landes konnte in den vergangenen Jahren ausserhalb der grösseren Städte der Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung wegen fehlender Investitionen nicht immer gewährleistet werden. Die Anzahl der Menschen mit chronischen Leiden – insbesondere mit solchen, die eine Langzeitbetreuung benötigen – ist in Kirgisistan ausserordentlich hoch.

    In Kadamdschai, einer atemberaubenden, aber unwegsamen Region im Südwesten Kirgisistans, war der Zugang zu medizinischer Versorgung aufgrund der weiten Wege zu den Gesundheitszentren schon vor Covid-19 schwierig. Obwohl Arzneimittel für Kinder unter fünf Jahren und schwangere Frauen in Kirgisistan kostenlos sind, müssen Medikamente häufig aus der eigenen Tasche gezahlt werden, da nur wenige Menschen krankenversichert sind. Angesichts der begrenzten Jobaussichten und der niedrigen Löhne können sich viele die Behandlungen, die sie benötigen, einfach nicht leisten.

    Seit vier Jahren leistet Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) medizinische Unterstützung in Kadamdschai, wo einige chronische Leiden landesweit mit am häufigsten vorkommen. Wir arbeiten eng mit dem Gesundheitsministerium zusammen und unterstützen die Behörden bei der Früherkennung, Diagnostik und Vorbeugung von Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder auch Blutarmut, welche vor allem bei Kindern auftritt.

    Für die Verbesserung der Früherkennung und Diagnostik einer Reihe chronischer Erkrankungen waren Investitionen in Laborkapazitäten nötig. Unsere Teams haben medizinische Ausrüstung repariert und erneuert und Mitarbeitende des Gesundheitsministeriums im Umgang mit Diagnoseausrüstung wie Ultraschallgeräten und thermischen Koagulatoren sowie in der Befolgung der gängigen Behandlungsrichtlinien geschult.

    Medizinische Versorgung trotz Covid-19 aufrechterhalten

    In den jüngsten Tagen ist die Zahl der Covid-19-Erkrankten steil angestiegen. Rund 29 000 Menschen haben sich in dem Land bereits mit dem Virus infiziert. Zwar ist der Kadamdschai-Region das Schlimmste bislang erspart geblieben, doch hat die drohende Gefahr unsere Teams dazu veranlasst, ihre medizinischen Dienste entsprechend anzupassen und Massnahmen zu treffen, um eine Virusausbreitung innerhalb der Gemeinschaft zu verhindern.

    Schon vor der Pandemie hatten unsere Teams in Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden Patientinnen und Patienten vereinzelt auch zuhause betreut. Mit Covid-19 sind Hausbesuche und medizinische Fernkonsultationen via WhatsApp nun aber zur Norm geworden.

    „Um zu vermeiden, dass sich die Menschen in den Gesundheitszentren tummeln, führen wir bei Kindern und postnatalen Untersuchungen nun vermehrt Hausbesuche durch, ebenso bei Menschen mit nichtübertragbaren Krankheiten, die der Risikogruppe angehören“, sagt Kevin Coppock, MSF-Landesverantwortlicher für Kirgisistan.

    „Bei anderen Routinekonsultationen, z. B. der pränatalen Betreuung, organisieren wir WhatsApp-Videoanrufe mit den Patientinnen.“

    Abduraupov Isamidin, MSF-Epidemiologe

    „Beim medizinischen Personal haben wir viele Infizierte; es ist eine schwierige Zeit für Ärztinnen und Ärzte. Die Pandemie setzt den medizinischen Mitarbeitenden seelisch zu, denn jeder Arzt und jede Pflegefachfrau hat Angst, sich anzustecken. Diese Angst wirkt sich auf unsere Arbeit aus. Wir machen uns zudem Sorgen, unsere Familien mit dem Virus zu infizieren.

    Schon vor der Pandemie gab es nicht genügend medizinisches Personal, vor allem in den entlegenen Gegenden des Landes. Wenn Mitarbeitende dann krank werden, gibt es niemanden, um sie zu ersetzen.

    Schon vor der Pandemie gab es nicht genügend medizinisches Personal, vor allem in den entlegenen Gegenden des Landes. Wenn Mitarbeitende dann krank werden, gibt es niemanden, um sie zu ersetzen. Darüber hinaus haben wir die höchste Sterberate im Vergleich zu anderen Ländern, wodurch die Angst noch mehr wächst.

    Im Spital von Khaidarkan haben wir über 1000 Patienten mit chronischen Erkrankungen, 220 von ihnen leiden an Diabetes. Der Gedanke, wie sich ein grosser Ausbruch in unserer Region auf diese Risikogruppe auswirken würde, bereitet mir Sorgen. Die Gesundheitsbehörden von Khaidarkan haben die Menschen aufgefordert, zuhause zu bleiben und sich nicht für Routineuntersuchungen ins Spital zu begeben. Wir versuchen, sie zuhause zu behandeln, können aber nicht sicher sagen, ob uns dies auch bei allen gelingt. Ich befürchte, dass einige Menschen dadurch auf der Strecke bleiben könnten.“

    Unsere Teams unterstützen die Gesundheitsbehörden dieser grösstenteils ländlichen Region momentan dabei, sich für Covid-19 zu wappnen. Wir leisten technischen und logistischen Support, fördern Gesundheitsinitiativen und helfen mit Datenerhebungen bei der epidemiologischen Überwachung.

    Ärzte ohne Grenzen ist zudem dabei, vier der wichtigsten Spitäler von Kadamdschai für das Virus zu rüsten: Wir beraten und bilden das medizinische Personal in der Infektionsprävention und -bekämpfung aus und stellen Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung bereit. Ausserdem haben wir über 4500 Masken verteilt, um Menschen mit nichtübertragbaren Krankheiten und anderen Leiden zu schützen.

    Während der Grossteil unserer Tätigkeiten aufrechterhalten werden konnte, mussten wir einige unserer medizinischen Dienste vorübergehend einstellen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

    „Da in Kadamdschai sehr viele Menschen mit chronischen Leiden leben, passen wir extrem gut auf, dass niemand unnötigen Risiken ausgesetzt wird“, erklärt Coppock.

    Die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ist einer der Dienste, die wir vorübergehend aussetzen mussten.

    Obwohl Gebärmutterhalskrebs bei kirgisischen Frauen eine der häufigsten Todesursachen ist, sind die Präventions- und Früherkennungsmöglichkeiten begrenzt. In Khaidarkan hat Ärzte ohne Grenzen einen Dienst hierfür eingerichtet, der auch die Behandlung von zervikalen Läsionen einschliesst, in der Hoffnung, dass die Gesundheitsbehörden die Gebärmutterhalskrebsfrüherkennung und -prävention auf Landesebene ausweiten werden. Doch das muss erst einmal warten.

    „Wir beobachten weiter, wie sich das Virus entwickelt, und werden unsere Tätigkeiten wieder vollständig aufnehmen, sobald dies möglich ist“, so Coppock.

    Derweil sind hohe Infektionsraten bei medizinischen Mitarbeitenden, die in den Covid-19-Hotspots des Landes tätig sind, weiterhin ein Problem. „Schon vor der Pandemie gab es nicht genügend Personal, insbesondere in den entlegenen Teilen des Landes“, sagt MSF-Epidemiologe Isamidin. „Wenn medizinische Fachkräfte ausfallen, gibt es niemanden, der sie ersetzt.“

    Da die Covid-19-Prävention enorm viele Ressourcen verbraucht, droht vielen Menschen eine angemessene medizinische Versorgung verwehrt zu bleiben. Ausserdem könnten die wirtschaftlichen Folgen vielen Familien – insbesondere jenen, die von Wanderarbeit abhängig sind – den Zugang zu medizinischer Versorgung noch weiter erschweren, wenn ihr Einkommen ausbleibt.

    „Covid-19 sollte eigentlich als Weckruf dafür dienen, die Disparitäten in der medizinischen Versorgung zwischen einzelnen Ländern und Regionen endlich abzubauen“, sagt Coppock.

    Ärzte ohne Grenzen in Kirgisistan

    Ärzte ohne Grenzen ist seit 1996 in Kirgisistan im Einsatz und unterstützt das Gesundheitsministerium in der Provinz Osch seit Kurzem dabei, im Bezirk Karasuu einen dezentralisierten Behandlungsansatz für Personen mit arzneimittelresistenter Tuberkulose einzurichten. Die Organisation hat geholfen, neue, innovative Tuberkulosediagnostiken und ‑behandlungen einzuführen, z. B. die videoüberwachte Therapie zur Förderung der Therapietreue. Zudem hat sie den Einsatz von kürzeren, besser verträglichen Arzneimitteltherapien vorangetrieben und die Erkennung von Erkrankungen optimiert. Der Behandlungsansatz umfasst auch soziale und psychologische Unterstützung. Dank Ärzte ohne Grenzen konnten mithilfe von GeneXpert mehr als 11 000 Personen auf eine arzneimittelresistente Tuberkulose getestet werden und 705 von ihnen eine Therapie dagegen beginnen.