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Kongo (Demokratische Republik)

200 000 Vertriebene nach jüngsten Angriffen auf Dörfer und Gesundheitszentren in Ituri

Vertriebene in Djugu, Provinz Ituri, Demokratische Republik Kongo im Mai 2020. © MSF/Avra Fialas
Aktuelles 
Die zunehmende Gewalt in der Provinz Ituri in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) hat zu einer neuen Welle von Vertreibungen geführt.

    Mehr als 200 000 Menschen mussten in den letzten zwei Monaten flüchten, nachdem bewaffnete Gruppen Dörfer und Gesundheitszentren zerstört hatten. Die DR Kongo ist derzeit nach Syrien das Land mit der höchsten Zahl Binnenvertriebener.

    Die oberste Priorität sind die Gesundheitsversorgung und bessere Lebensbedingungen.
    Benjamin Courlet, MSF-Projektkoordinator in Bunia

    Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) ruft nationale und internationale Akteure auf, die Hilfe für die Bevölkerung in dieser Region im Nordosten des Landes zu verstärken.

    Zivilbevölkerung leidet am stärksten

    „Am 2. Mai wurden in Wadda über 200 Häuser in Brand gesetzt. Das Gesundheitszentrum, das wir dort unterstützten, wurde geplündert“, erzählt Alex Wade, Einsatzleiter für MSF in Ituri.

    „Darüber hinaus wurden mindestens vier andere Gesundheitseinrichtungen im Laufe des Monats angegriffen“. Nach dem letzten Angriff in der Region von Drodro am 17. Mai unterstützten die Teams von MSF die lokalen Gesundheitsakteure bei Notfallbehandlungen von Frauen und Kindern mit Schuss- und Machentenverletzungen.

    Das jüngste Opfer war ein 15 Monate alter Junge, der sich auf dem Rücken seiner Mutter befand, als diese erschossen wurde. „Die Kugel durchbohrte das Bein des Babys und tötete die Mutter. Er musste von Nachbarn ins Spital gebracht werden, da beide Eltern bei der Attacke ums Leben kamen, genau wie seine drei Schwestern und drei seiner Brüder. Nur sein grösserer Bruder konnte in den Busch fliehen und überlebte“, erklärt Dio El Haji, medizinischer Leiter von MSF.

    Die Zivilbevölkerung leidet am stärksten unter den Konflikten zwischen Milizen, nationalen Sicherheitskräften und anderen bewaffneten Gruppen. Die Teams von MSF sind Zeugen der dramatischen Situation der Hilfsbedürftigsten, die in ständiger Angst vor Angriffen leben.

    „In bestimmten Gebieten ist ein sicherer Zugang zu den Menschen nicht garantiert. Dies erschwert es unseren Teams, die Lokalbevölkerung und die Vertriebenen zu betreuen“, fährt Wade fort.

    In einer Region, die von jahrzehntelangen Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen gezeichnet ist, behindert die permanente Unsicherheit die Bewegungsfreiheit der Menschen vor Ort und erschwert jene der humanitären Helfer. „Die Menschen haben Angst, in die Gesundheitszentren zu kommen – und zwar sowohl in den Dörfern als auch in den Lagern. Sie leben im Busch, so dass wir mobile Kliniken organisieren mussten, um sie zu erreichen“, erläutert Benjamin Courlet, MSF-Projektkoordinator in Bunia.

    MSF fordert mehr Hilfe in Ituri

    MSF ruft alle nationalen und internationalen Akteure dazu auf, ihre Präsenz in Ituri zu verstärken, um den Zehntausenden Flüchtlingen beizustehen, die in unhygienischen und überfüllten Lagern unter Bedingungen leben, die weit entfernt von den humanitären Mindeststandards sind. In diesem bereits schwierigen Alltag haben die Menschen immer weniger Zugang zu Gesundheitsversorgung. MSF versucht, die dringendsten Bedürfnisse abzudecken, aber ohne zusätzliche Hilfe, Akteure und Gesundheitspersonal kann diese Krise nicht überwunden werden.

    „Die oberste Priorität sind die Gesundheitsversorgung und bessere Lebensbedingungen“, fasst Benjamin Courlet zusammen. „Zudem müssen wir angesichts der drohenden Covid-19-Epidemie in der Region Präventionsmassnahmen ergreifen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Der Hilfsbedarf ist enorm, und allein können wir das nicht schaffen...“

    Ärzte ohne Grenzen leistet seit Beginn des Konflikts ...

    ... Anfang der 2000er Jahre medizinische Unterstützung für die Bevölkerung in Ituri. Neben der Behandlung der Kriegsverletzten betreut die Organisation Menschen mit endemischen Krankheiten der Region wie Malaria, akute Atemwegserkrankungen, Durchfall und Masern. Die Teams sind in den Allgemeinspitälern und Gesundheitszentren in den Vertriebenenlagern der Regionen von Nizi, Drodro und Angumu tätig. Zudem organisiert Ärzte ohne Grenzen Aktivitäten zur Gesundheitsförderung, stellt sauberes Wasser bereit, verbessert die sanitären Anlagen und verteilt zahlreiche Hilfsgüter.

    Vor dem schwierigen Hintergrund der weltweiten Covid-19-Pandemie droht bei einer Ausbreitung des Virus in der Provinz Ituri eine humanitäre Katastrophe. Die Teams leisten Aufklärungsarbeit und bereiten sich auf die ersten Fälle vor, indem sie Isolations- und Triagebereiche in den Allgemeinspitälern einrichten.